Die andere Seite von Rio – rau, authentisch, anders

Rio ist Sonne, Meer, schöne Menschen an der Copacabana und am Strand von Ipanema und ein grandioser Ausblick vom Corcovado. Aber es gibt auch eine andere Seite Rios: die rauen, authentischen Favelas, die genauso zu Rio gehören wie der Zuckerhut und Fussball. Diese Seite kennen wohl auch die Meisten, spätestens seit dem Film „City of God“*. Doch das ist nur eine Seite der Favelas – es ist an der Zeit einmal mit den Vorurteilen aufzuräumen.

Einige Informationen zu den Favelas

Das Wort Favela kommt von einer brasilianischen Kletterpflanze, welche den gleichen Namen trägt. Ähnlich wie die Pflanze klettern die Armenviertel Rio des Janeiros an den Bergen hoch.

Die ersten Favelas Brasiliens entstanden nach dem Ende der Sklaverei 1888, wobei Morro da Providência, der Hügel der Vorsehung, die erste Favela in Rio de Janeiro war.

Die Behausungen in den Favelas wurden absolut unsystematisch, mit ungeeignetem Material und ohne Anbindung an das öffentliche Strom- oder Wassernetz auf illegal genutzten Grundstücken gebaut.

Heute gibt es etwa 950 dieser Favelas in Rio und ca. 20%, der Cariocas, etwa 2.000.000 Menschen, wohnen dort. Die Favelas gehören zu Rio wie die Copacabana, Samba und Caipirinha. Doch von der Gesellschaft wurden diese Orte vergessen. Obwohl die Menschen aus den Favelas diese Stadt und deren Kultur prägen wie kein anderer.

Viele Jahre lang versuchte die Regierung es mit Umsiedlungsprogrammen und die Menschen zu vertreiben, was jedoch scheiterte. Seit den 80er Jahren wird nun vermehrt auf die Sanierung der Favelas gesetzt und man begann die Favelas zu regulären Bairros, Stadtvierteln Rios, zu erklären. Die erste Favela die offiziell zum Bairro erklärt wurde war 1992 Rocinha, die größte Favela Brasiliens. Wobei die Angaben der Einwohnerzahlen gravierend auseinandergehen. Die einen sagen 200.000, andere sagen es wären sogar 400.000 Menschen, die dort leben.

Allerdings sind viele der anderen Favelas mittlerweile so eng zusammen gewachsen, dass sie wie eine einzige Favela erscheinen. Diese Komplexe von Favelas, wie zum Beispiel der Complexos do Alemão, sind etwa doppelt bis drei Mal so groß wie Rocinha.

Seit 2008 wurden in Rios Favelas wegen der Fußball-Weltmeisterschaft 2014 und den olympischen Spielen 2016 systematisch Razzien von Polizei und Militär durchgeführt, um die Drogendealer und Gangs zu bekämpfen. Außerdem wurden feste Polizeiwachen in den Favelas errichtet.

Heute gelten viele der Favelas, besonders im Süden Rios, als befriedet. Das bedeutet die Favela ist nicht mehr unter der Kontrolle einer Gang, oder eines Drogenbosses. Dafür sorgt die UPP (Unidade Policía Pacificadora) – Polizisten, die so etwas wie Sozialarbeiter in schusssicheren Westen sind und unbeliebter als alle Politiker Brasiliens zusammen.

Vor der WM und Olympia waren die Menschen der Favelas die Vergessenen der Gesellschaft, niemand hat sich für Sie interessiert. Wie wird es sein wenn Rio zum Alltag zurückkehrt, wenn das Land nicht mehr versucht der Welt das perfekte Rio zu präsentieren? Werden die Polizisten bleiben, oder die Drogenbosse zurückkommen?

Meine erste Konfrontation mit einer Favela

Das erste Mal betrat ich eine Favela bei einem Foodwalk durch Rio – und das mit einem durchaus mulmigen Gefühl.

Morro da Providência, der Hügel der Vorsehung, entstand 1893 und ist die älteste Favela Rios mitten im Zentrum der Stadt. Providência ist zwar modernisiert worden, um den Einwohnern das Leben zu erleichtern, nachdem man sie nicht vertreiben konnte. So gibt es heute eine kostenlose Seilbahn mit der man in die Favela fahren kann, als auch Strom und fließend Wasser.

Mural in der Favela Morro da Providência

Mural in der Favela Morro da Providência

Kiosk in der Favela Morro da Providência

Kiosk in der Favela Morro da Providência

Providência gehört aber nicht zu den Favelas die Du alleine besuchen solltest, sie ist nicht sicher! Fotos sind hier tabu! Die Drogendealer sind hier noch sehr präsent.

Dennoch sind uns die Menschen hier sehr freundlich und herzlich entgegen getreten, die jungen Leute haben sich gefreut mit uns Englisch zu üben und an dem kleinen Kiosk direkt an der Gondelstation haben wir ein einfaches aber köstliches brasilianisches Mittagessen genossen.

Rocinha: Die größte Favela der Welt

Lange hatte ich danach überlegt, ob ich eine der Touren in die Favelas buchen sollte und mir auch die Frage gestellt, ob es richtig ist als Tourist in eine dieser Favelas zu gehen, um die Armut dieser Welt zu bestaunen und zu fotografieren. Das ist ein bisschen wie Tiere im Zoo fotografieren. Und es ist sicherlich umstritten eine solche Tour zu machen. Der Tourismus kann aber auch dazu beitragen ein besseres Verständnis zu bekommen und Vorurteile auszulöschen, auch wenn der Tourismus sicherlich nicht die Probleme der Favelas lösen kann.

Ganz bewusst habe ich mich für die Favela Tour von Marcelo Armstrong* entschieden. Zum einen, weil es eine der ältesten Organisationen in Rio ist, die diese Touren bereits gemacht haben, bevor die Favelas befriedet waren. Zum anderen, weil der Anbieter einen Großteil der Einnahmen an eine NGO weitergibt, welche eine Schule in der Favela Vila Canoas betreibt und so die Einwohner der Favela direkt etwas davon haben.

Nach dem wir abgeholt wurden, ging es auf in eine andere Welt. Über die Estrada da Gávea, die ehemalige Formel 1 Strecke Rios, ging es in die Favela Rocinha.

Rocinha

Rocinha

Rocinha im Nebel

Rocinha im Nebel

Rocinha ist offiziell keine Favela mehr, sondern seit einigen Jahren ein anerkanntes Stadtviertel – das bedeutet es gibt heute legalisierte Besitzverhältnisse in Rocinha. Doch auch nach der offiziellen Anerkennung wird noch heute die Bezeichnung Favela verwendet.

Die Favela Rocinha befindet sich nur etwa 1 km von Strand entfernt, zwischen den Vierteln São Conrado und Gávea und man hat von dort oben einen traumhaften Ausblick auf den Strand von Leblon, einem der reichsten Viertel Rios.

Der Ausblick auf Leblon

Der Ausblick auf Leblon

Rocinha bedeutet übrigens die kleine Farm, warum auch immer man diesen Ort so benannt hat.

In Rocinha gibt es ein riesiges Meer an Häusern, die den Berg „hochklettern“. Platz für neue Häuser ist nicht vorhanden. Wenn Platz geschaffen werden muss, wird eine neue Etage auf eines des vorhandenen Häuser gebaut.

Außer 2 Hauptstrassen gibt es in Rocinha ausschließlich Treppen und kleine Gassen. Es ist das reinste Labyrinth und ohne Guide ist es vorprogrammiert, dass Du Dich verläufst.

Die teuersten Wohnungen befinden sich am Fuss des Berges, denn umso höher man wohnt um so höher muss man alles schleppen. Die Aussicht oben ist zwar grandios, das Leben aber sehr beschwerlich. In Rio sagt man ungewöhnlicherweise, dass die Reichen zu den Armen aufblicken und die Armen auf die Reichen herabschauen.

In Rocinha gibt es 3 Banken, Geschäfte, Werkstätten, ein Postamt und der Müll wird heute mehrmals täglich abgeholt. Außerdem gibt es wie in jeder befriedeten Favela eine festinstallierte Polizeiwache, die für Ordnung und Sicherheit sorgt. Wir sehen Kinder Fussball spielen, Menschen eine Party feiern, Verkäufer die ihre Waren anpreisen, aber eben auch Polizisten die schwer bewaffnet Streife laufen – für die Einwohner der Favela ein ganz alltäglicher Anblick. Für mich sehr befremdlich!

In den Strassen von Rocinha

In den Strassen von Rocinha

Werke eines einheimischen Malers in Rocinha

Werke eines einheimischen Malers in Rocinha

Vila Canoas

Im Vergleich zu Rocinha wurde Vila Canoas niemals von Gangs regiert und ist eine sehr kleine und beschauliche Favela. Wobei Du Dich in den zum Teil nur 80 cm breiten dunklen Gängen genauso verirren kannst wie in Rocinha.

Vila Canoas ist bunt, es gibt einige kleine Kneipen, viele bunte Graffitis, einen kleinen Spielplatz und die Einheimischen haben uns mit einem Lächeln begrüßt.

Willkommen in Vila Canoas!

Willkommen in Vila Canoas!

In den bunten Innenhöfen vo Vila Canoas

In den bunten Innenhöfen vo Vila Canoas

Strassenschild in Vila Canoas

Strassenschild in Vila Canoas

In Vila Canoas steht außerdem die Para Ti Schule. Eine Schule, welche von einer italienischen NGO hier gegründet wurde, um den Kindern der Favela eine bessere Zukunft zu ermöglichen. Die Kids der Favela gehen den halben Tag in die staatliche Schule, wobei das Schulsystem in Brasilien allgemein eine Katastrophe ist. Man sagt in den staatlichen Schulen wird unterrichtet, aber nichts gelehrt. Das Schulsystem Brasiliens ist leider, trotz dem wirtschaftlichen Aufschwung des Landes, eines der schlechtesten in Südamerika.

In die Para Ti können die Kids nach der regulären Schule kommen um mehr zu lernen, ihre Hausaufgaben zu machen, Computerkurse zu belegen, sich sportlich, oder handwerklich zu betätigen. Einige der Dinge, die die Kinder dort herstellen kann man übrigens auch kaufen und es sind einige wirklich schöne Sachen dabei. Außerdem erhalten die Kinder in Para Ti eine warme Mahlzeit täglich.

So hängen die Kids nicht auf der Strasse ab, wo sie mit Drogen und Kriminalität in Kontakt kommen. Sie sind beschäftigt, solange die Eltern in der Arbeit sind und kommen nicht auf dumme Idee.

Para Ti Schule

Para Ti Schule

Klassenzimmer in Para Ti

Klassenzimmer in Para Ti

handgemachte Schalen aus Papier von den Schülern aus Para Ti

handgemachte Schalen aus Papier von den Schülern aus Para Ti

Nun wird aufgeräumt mit den Vorurteilen

Viele Jahre waren die Favelas nur dafür bekannt eine Heimat für Drogenbosse zu sein und für eine Kultur der Gewalt. Die Favelas waren der Inbegriff des Bösen, Armut und Ausgrenzung. Niemand traute sich in die Favelas, außer die Bewohner selbst. Man kann dies sicherlich nicht schön reden, denn das Meiste davon war und ist teils noch Realität. Dennoch ist es Zeit mit so manchen Mythen aufzuräumen. Denn es gibt eben auch eine andere Seite, die man bei einem Besuch der Favelas kennenlernt.

Heute leben in den Favelas nicht mehr nur die Ärmsten der Armen. Diese gibt es sicher auch, aber es gibt mittlerweile auch einen Mittelstand, der Geschäfte in der Favela betreibt. Ein Großteil der Einwohner arbeitet außerhalb der Favelas in der Stadt, vor allem im Dienstleistungssektor. Favelas sind keine Slums, sondern Arbeiterviertel! Die Häuser sind chaotisch und ohne Plan gebaut, aber weit entfernt davon wie ich mir einen Slum vorstelle, beziehungsweise weit entfernt von der Armut und dem Dreck den ich in asiatischen Slums gesehen habe.

Die Mitarbeiter des Sheraton Hotels* in Leblon sind zum Beispiel alle aus der nahegelegenen Favela Vidigal. Die meisten der Busfahrer, Strandverkäufer, Postboten etc. leben in den Favelas von Rio.

Viele könnten es sich sogar leisten aus der Favela wegzuziehen, tun es aber nicht und wollen es auch gar nicht. Denn die Favelas stehen auch für Zusammenhalt, man hilft sich gegenseitig und ist irgendwie eine Art große Familie.

Es gibt die schönsten Schauergeschichten, was Dir in den Favelas alles passieren kann. Das Meiste davon ist ziemlicher Quatsch. Die Locals wollen die Kriminalität aus ihrer Favela heraushalten, denn das wäre auf sie zurückzuführen. Von daher bist Du in der Favela sicher. Die Chance, dass Du Nachts in der Stadt, oder am Strand überfallen wirst ist wesentlich größer. Denn von hier aus können die Kriminellen unerkannt in die Favelas flüchten.

Die meisten Sambaschulen der Stadt befinden sich übrigens ebenfalls in den Favelas und fast alle Sambatänzer, die an Karneval teilnehmen, kommen von hier. Und was wäre Rio ohne seinen Karneval und die Sambatänzer?

Favelas die Du alleine besuchen kannst

Die Favela Santa Marta in Botafogo kannst Du problemlos alleine besuchen, sie ist die kleinste Favela Rios und sicher.

Hier hat übrigens auch Michael Jackson 1996 das Video zu seinem Welthit „They don’t care about us“ gedreht. Aus diesem Grund steht in der Mitte der Favela eine glänzenden Michael Jackson Statue, worauf die Einwohner sehr stolz sind.

Vidigal, nur unweit des Nobelviertels Leblon, ist eine der modernsten Favelas mit tollen Restaurants, Sushibars, Clubs und Kunstgalerien. Auch reiche Cariocas verbringen hier gerne Ihre Zeit.

Tavares Bastos ist bekannt für seine Musikszene, von Samba, über Baile Funk bis Jazz. „The Maze“ veranstaltet hier zweimal im Monat Jazzpartys auf der Dachterrasse, von der Du einen grandiosen Ausblick über die Stadt hast. The Maze* ist aber nicht nur bekannt für seine legendären Parties, eigentlich ist es ein Hostel. Du kannst hier direkt in der Favela wohnen und das authentische Rio kennenlernen.

Worauf Du achten solltest

Eine Hauptregel in den Favelas ist: keine Menschen fotografieren, oder nur mit deren Erlaubnis! Besonders die Drogengangs schätzen es mal gar nicht abgelichtet zu werden. Auch solltest Du nicht durch offene Türen in die Häuser fotografieren. In Rocinha und Vila Canoas ist auch dies allerdings gar kein Problem.

Auch wenn die meisten Favelas mittlerweile befriedet sind und das Polizeiaufgebot groß ist, Du solltest die Favelas, außer Tavares Bastos, nur tagsüber besuchen. Sobald es dunkel wird sind die Drogendealer in den Favelas unterwegs, die von der zum Teil korrupten Polizei geduldet werden.

Das Leben in den Favelas ist sicherlich kein Leben, dass man sich freiwillig aussuchen würde. Doch die Menschen dort machen das Beste daraus. Und auch in den Favelas ist die in Brasilien so allgegenwärtige Lebensfreude spürbar. Was ich ohne einen Besuch dort nie gesehen hätte.

Rückblickend bin ich sehr froh einige der Favelas Rio de Janeiros besucht zu haben. Nicht um die Menschen dort anzustarren, oder um irgendeine tolle Story erzählen zu können. Sondern weil ich viel erfahren und gelernt habe, weil ich nun etwas besser verstehe was das Leben in einer Favela bedeutet und wie die Favelas die Gesellschaft Brasiliens prägen.

Hast Du schon mal eine Favela oder einen Elendsviertel in einer Stadt besucht? Was hältst Du im allgemeine davon solche Orte zu besuchen und welche Erfahrungen hast Du gemacht? Ich freue mich auf Deinen Kommentar!


*In diesem Artikel findest Du einige Affiliate Links (wenn Du dem Link folgst, erhalte ich eine kleine Provision, die es mir ermöglicht, diese Seite zu betreiben. Danke!)

Hat Dir der Artikel gefallen? Bitte teile ihn!